Antagonist* nella Curva!

von Brigata Amaranto

Ultras sind überall. Der Diskurs um Fankultur und das Engagement zur Rettung ebenjener wird sowohl in der Kritik als auch in der gelebten Form im Stadion von ihnen dominiert. Ultrà wird so zum Synonym für organisierte Fans. Keine*r schreibt und redet mehr von Hooligans, Hooltras, Suptras oder anderen Fangruppen. Bis auf die bürgerlichen Medien – für die gibt es nur Chaoten oder Hooligans. Ultras dagegen existieren in der Mainstream-Berichterstattung an den Spieltagen nur am Rande. Dabei sind sie es und die Fans, die jedes einzelne Spiel zu einem Erlebnis machen.

Trotz der Dominanz in den Kurven, des gemeinsamen Stils, des kulturellen und performativen Ausdrucks ist allerdings den wenigstens bewußt, was eigentlich Ultrà sein soll und was Ultras von anderen Fans unterscheidet. Daß sich das Selbstverständnis seit seinen Ursprüngen in Italien grundlegend gewandelt hat, bemerken viele nicht erst seit dem nun in Übersetzung vorliegendem “Tifare Contro” von Giovanni Francesio. Die Diskussionen, Erklärungen und Redebeiträge rund um sowie während der Fandemo am 9. Oktober diesen Jahres in Berlin verdeutlichen ebenfalls, daß es Klärungsbedarf innerhalb der Ultràszene und den anderen Fangruppen bezüglich des eigenen Selbstverständnisses gibt.

Die Entwicklung und Formulierung eines gemeinsamen Grundkonsens fällt deswegen auch schwer, weil die Gruppen untereinander zerstritten, zum Teil verfeindet und eher gesprächsimmun zu sein scheinen. Ein Indiz ist, daß sich an der Fandemo zwar, neben den üblichen eher apolitischen großen Ultrà-Gruppen der Bundesliga-Vereine, auch kleinere und mit der Schickeria aus München, der Horda Azzuro aus aus Jena und den Ultras Roter Stern aus Berlin auch emanzipatorische Gruppen beteiligten, aber sehr viele engagierte antirassistische und antifaschistische Fans ohrenbetäubend schwiegen.

Es gab keine Reaktion auf die Fandemo und die Kampagne “Zum Erhalt der Fankultur” von den Ultras St. Pauli und aus Babelsberg. Die Suptras aus Rostock, die zur Zeit wieder einmal mit Repressionen vom Verein zu kämpfen haben, blieben ebenfalls erstaunlich ruhig. Die TeBe-Fanszene positionierte sich eindeutig gegen die gewalttätige, rassistische, sexistische und homophobe gelebte Fankultur im Allgemeinen und Ultras im Besonderen.

Die Kritik der TeBe-Fanszene ist, wenn mensch die zahlreichen Erfahrungen rund um Fußballspiele ihres Vereins und Fanaktivitäten jenseits des Stadions betrachtet, durchaus nachvollziehbar und berechtigt. Gewalt, Rassismus, Sexismus und Homophobie sind Probleme in den Kurven. Jedoch sollte in einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Phänomen auch beachtet werden, daß Ultrà längst zu einem ikonographischen Label geworden ist.

Beinah jede jugendlichen Gang von Fußballfanatiker*innen nennt sich heute „Ultras“ oder hat zumindest ein entsprechendes Banner zusätzlich zu der eigenen Zaunfahne. Die Gruppennamen verweisen nicht selten auf vorbürgerliche oder militärische Kollektive und apokalyptische Mythen, wobei die Gruppen, die kriegerische Aspekte betonen, nicht selten rechtsoffen sind oder Nazigruppen repräsentieren. Eine Ausnahme ist hierbei das ironisch gebrochene Label TeBe Partyarmy.

Zu den Selbstbezeichnungen als vorbürgerlich, kämpferisch und nonkonformistisch kommt oft die genderspezifische Selbstbezeichnung als Boj, Boyz oder Jungz, die den loyalen geschlossen männlichen Männerbund ausstellt.

Was in jedem Fall insbesondere in älteren Ultràveröffentlichungen, die zum Beispiel bei Mr. Altravita nachzulesen sind, auffällt, ist die totale Kompromißlosigkeit mit der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ultras sehen sich als das grundsätzlich ‘Andere’. Ultrà ist so vor allem auch ein Gegen, das “Tifare Contro”, wie Francesio sein Buch zur Geschichte der italienischen Ultras nennt, und Mr. Altravita in einem Interview erläutert. Francesio nennt dies die „antagonistische Dimension“ von Ultrà.

Damit leben Ultras, was nicht besonders verwunderlich ist, schließlich sind sie aus der außerparlamentarischen Linken Italiens der Fabrikkämpfe entstanden, den Revolutionstraum ohne sich auf explizit emanzipatorische Utopien zu berufen. Die (vorgestellte) Praxis an jedem Spieltag und in jeder Kurve ist eine nihilistische Ablehnung der Verwertungs- und Ausbeutungsmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft. Der Ultrà nimmt sich rüde, was er für nötig hält. Dazu gehören neben dem lautstarken, kreativen und buntem Support der Mannschaft auch Kämpfe.

Francesio mahnt in seinem Buch, das er nach der zweiten großen Repressionswelle gegen Ultras in Italien nach der Tötung des Polizisten Filippo Raciti und dem Mord an dem Lazio Fan Gabriele Sandri begonnen hat zu schreiben, immer wieder eine Absage an Kämpfe und die Gewalt an, damit die Ultrà (Jugend-) Kultur überleben kann. Er empfindet beides als genauso unerträglich, wie die Unwissenheit und Ignoranz der bürgerlichen Öffentlichkeit sowie ihrer Sicherheitsorgane. Francesio betont den antagonistischen Charakter der Ultras und macht diesen gegen die Beschneidung und zunehmende Kontrolle des öffentlichen Raumes im Allgemeinen stark.

Ultrà war und ist ein dynamisches Phänomen. Es entzieht sich der Kontrolle durch den Staat und seiner Organe aber auch der Vereine. Deshalb, denken wir, ist es möglich den Diskurs über Ultrà innerhalb einer emanzipatorischen Fankultur und einer engagierten Bewegung nutzbar zu machen. Der Freiraum Kurve scheint verloren. Restriktionen, Überwachung, Kommerzialisierung und patriachale Kollektivierungen sind der Alltag. Aber zumindest eine diskursiv utopische Idee von emanzipatorischen Antagonist* in der Kurve bleibt.

Aus diesem Grund starten wir, die Brigata Amaranto 25 Aprile, hiermit das Projekt „Ultrà Diskurs“ um verschiedene Materialien zur Geschichte, der Mentalität und dem Selbstverständnis, der Gewalt (oder vielleicht auch Militanz) sowie emanzipatorischer Qualitäten zu sammeln und zu diskutieren. Wir hoffen damit die zum Teil gerechtfertigte Kritik an Ultras fruchtbar machen zu können. Wir laden emanzipatorische Fan- und Ultrà-Gruppen, aktive Fanbündnisse, die berühmt berüchtigten “Cani Sciolti” und Einzelpersonen dazu ein, sich offensiv an diesem Diskurs zu beteiligen. Hierbei suchen wir vor allem Texte, die sich mit den oben genannten Themen aus einer emanzipatorischen Perspektive auseinandersetzen. Der Genderaspekt ist uns besonders wichtig.

Für eine lebende Kurve – jenseits rassistischer, antisemitischer, sexistischer und homophober Ausgrenzung!

Das Orginal ist auf unserem Blog zu finden

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