Er wird nicht wiederkommen, der Mann, der über Jahrzehnte hinweg den Deutschen die Tour de France erklärte.
Und deswegen wird es höchste Zeit, den mittlerweile 70-Jährigen noch einmal ausführlich zu würdigen.

Nein, vom Rennradfahren halte er in seiner Freizeit überhaupt nichts, bekannte der Eurosport-Kommentator Klaus Angermann einmal während des Giro d’Italia. Er setze sich lieber auf sein Mountainbike und fahre hinaus in die Natur. »Dort genieße ich eine schöne Schafsherde oder schnuppere im Wald an einem Pilz. Dann ist bei mir der Teufel los.«

Für Angermann-Fans wareun solche Sätze, so unverständlich sie Außenstehenden vielleicht auch vorkommen mögen, der einzige Grund, internationale Radsportereignisse auf dem Spartensender zu verfolgen. Denn während die Öffentlich-Rechtlichen während des Giro und der Tour de France neben der Kommentierung der Geschehnisse Volksbildung als ihre Hauptaufgabe ansehen und das Publikum mit ihrem Baedecker-Wissen über Kirchen, Ruinen und Agrikultur langweilen, gab es auf Eurosport von 1988 bis 2001 Informationen plus freies Assoziieren mit Angermann.

Das heißt, es ging um wunderschöne Sätze. Was jeder beliebige Reporter einfach nur als Ruhetag ankündigen würde, geriet Klaus Angermann zu einer ebenso kurzen wie prägnanten Beschreibung: »Morgen ist der Tag des Waschens.“

Seit 1965 war Klaus Angermann jedes Jahr bei der Tour de France dabei, zunächst für das ZDF, dann für Eurosport, und dass er mit ihr alt geworden war, merkt er sehr wohl. Manchmal entluden sich die Probleme des Alterns dann in einem Stoßseufzer, wie damals, als er bei einer Siegerehrung bemerkte: »Die Jungfrauen der Ehre werden auch immer jünger.«

Nicht jeder konnten solche Sätze offenbar gebührend schätzen. Ein »infernales Duo der TV-Kommentierung« bildeten Klaus Angermann und sein Kompagnon, der ehemalige Radprofi Tony Rominger, bemerkte einmal die Sonntagszeitung in einem ziemlich kläglichen Versuch, süffisant zu sein. Dabei füllten die beiden ihre Sendezeit hauptsächlich mit Hintergrundinformationen, und eben mit Anekdoten.

Angermanns Geschichten rund um die Radsportklassiker hatten gegenüber den öffentlich-rechtlichen Erzählungen den unschätzbaren Vorteil, dass er sie fast alle selbst erlebt hat. Und die Großen der Sportart kannte er fast alle noch persönlich.

So konnte sich Angermann sehr ausführlich darüber freuen, wenn er den ehemaligen norwegischen Star Dag Lauritzen in der benachbarten Kommentatorenkabine entdeckt, und manchmal überließ er in solchen Fällen durchaus Rominger für eine Weile das Mikro, um den alten Freund herüberzuholen. Ob der wollte oder nicht.

Aber meistens wollten sie wohl, denn Angermann ist ein sehr freundlicher und höflicher Mensch, der niemandem etwas Böses will. Und der, wenn er im Überschwang Tony Rominger einmal unterbrach, dies seinem Publikum sogleich erklärte: »Es ist das Temperament, dass wir uns ins Wort fallen; wir sind nicht unhöflich.«

1998 schenkte ihm Bernard Hinault während der Tour sogar ein Rennrad, »für meinen deutschen Freund Klaus«, las Angermann gerührt vor. Wenn er jedoch eines nicht leiden konnte, dann sind das Sportler, die sich nicht restlos verausgaben:. »Du sprichst von vier Führenden, doch der eine betreibt Sabotage«, konnte er sich z.B. über solche Radler ärgern, die sich von den anderen nur mitziehen lassen und selbst nichts zur Führungsarbeit beitragen.

Mindestens genauso verabscheut Angermann das Doping:. »Ich bin auch einer vielleicht der letzten Unverbesserlichen, die da noch an eine gewisse Ehrlichkeit im Sport, nicht nur im Radsport glauben.«

Angermann glaubt auch ganz fest daran, dass alle Nationen gut miteinander leben könnten, wenn sie sich nur ein kleines bisschen Mühe gäben. »Ich bekomme gerade eine Flasche Wasser hereingereicht, von meinem französischen Kollegen. Ja, das ist Völkerfreundschaft, so funktioniert sie!« konnte er sich selbst über kleine Gesten freuen. Oder darüber, dass im Hotel de Gare, »seit dreißig Jahren unser kleines bescheidenes, aber doch so familiäres Zuhause«, von Anfang an internationaler Betrieb herrschte: »Da sahen wir viele, viele Zuschauer aus aller Herren Länder, es fehlten nur die Eskimos, eigentlich.«

Im Radsport »spielen jedoch so viele Rollen einen Faktor, dass es fast manchmal unmöglich ist, zu sagen, was wirklich geschieht«, und das konnte sogar den ausgesprochenen Fachmann hin und wieder verwirren. »Aber ich glaube Armstrong ist alleine, Tony?« »Nein, er hat unmittelbar vor sich entweder Livingston oder Hamilton.« »Dann hab ich ‘ne leichte Farbstörung, aber das kann natürlich passieren nach fünf Stunden Live-Übertragung.«

Angermann stand zu seinen Fehlern, und konnte gut damit leben, wenn er hin und wieder mal verbessert wurde: »Und Udo Bölts, der deutsche Meister kommt ins Ziel.« Rominger: »Nein, das ist Dierckxsens!« Angermann: »Ach, der belgische Meister, die Farben sind nur verkehrt herum.«

Und wo es so viele Namen und so viele Gesichter zu behalten galt, da konnte man sich nicht immer auch noch alle Fakten merken. Meistens gelang es in solchen Fällen Tony Rominger, noch rechtzeitig einzugreifen. Wie vor zwei Jahren während der Tour de France: Guerini überquerte als Erster die Ziellinie, was Angermann den Aufschrei entlockte: »Und nun gewinnt schon wieder ein Holländer!« »Aber Klaus, Guerini ist doch Italiener …« wandte der Co-Kommentator ein, Angermann antwortete, nach einer längeren Pause: »Danke, Tony, dass du mich gestoppt hast.«

Manchmal jedoch konnte selbst »der Tony« nichts mehr ausrichten. Dann schien Angermann so geistesabwesend, so außer sich zu sein, dass nichts mehr zu ihm durchdrang. »Ach Tony, du meinst, dass Once seine Führungsposition beibehalten will im Mannschaftsklassement?« sagt er dann zum Beispiel.

Romingers Antwort war ebenso kurz wie präzise: »Nein, Banesto führt.« Nur wenig später hatte Klaus Angermann diese Information offensichtlich schon wieder vergessen, er teilte den staunenden Zuschauern plötzlich aufgeregt mit: »Die Mannschaft Once macht im Feld das Tempo, um ihre Führungsposition im Mannschaftsklassement beizubehalten.«

In seiner gelegentlich auftretenden Bockigkeit gegenüber Tatsachen wurde Angermann nur noch vom ehemaligen Radprofi Rudi Altig übertroffen, der in seinen gelegentlichen Live-Kommentaren selbst dann noch Recht zu haben versuchte, wenn alle Fakten gegen ihn sprachen: »Cipollini geht nach vorne, will er etwa heute schon wieder gewinnen?« Ein Kollege antwortete: »Aber Rudi, er hat doch gestern gar nicht gewonnen!« Altig, sehr trotzig: »Naja, aber er hat’s versucht, oder?«

Mehr dort: www.klausangermann.de ist eine liebevoll gemachte Fanpage für »Freunde des gepflegten Radsportkommentars«.
Hier gibt es weitere Links und und sogar MP3-Files.
Leider ist die Seite www.seppl.net/routen/transkrpt0199.html abgeschaltget, dort gab es Angermann Transkriptionen, unter anderem des berühmten »unerlaubte Substanzen-Diskurses«. Und

Kommentare

2 Kommentare zu “Schon wieder eine Tour ohne Klaus Angermann”

  1. RedJan am 07.11.08 17:22

    Und

    Und?
    gehts noch weiter oder liegts wieder an meinem alten IE6?

    Ja, der Angermann ist eine Reporterlegende. Jetzt fehlt nur noch ein prägnanter Ausspruch, der die jahrzehntelang gehörte Stimme wieder aufleben läßt, wie Morawetz’ ‘Wo ist Behle?’ oder Faßbenders ‘gutnabnd allerseits’. Wer meinte eigentlich ‘sappradi’, wenns mal wieder nen kanadischen Abfahrtsläufer ‘geschmissen’ hat?

  2. Elke Wittich am 07.17.08 01:35

    Harry Valerien 🙂

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