Russland hat einen neuen Nationalhelden. Und der trägt von Amts wegen nicht wie gewohnt einen Präsidententitel, sondern ist lediglich Trainer der russischen Nationalmannschaft. Und noch dazu Ausländer.
Aber das soll sich jetzt ändern. Denn wer sich für das Seelenheil des russischen Bären so stark macht wie Guus Hiddink ist bei Licht betrachtet eigentlich gar kein Ausländer mehr. Oder soll keiner sein.

Der Einzug der russischen Elf ins Halbfinale der Fussball-EM verschafft dem Holländer auf Initiative der Partei des rechten Politclowns Wladimir Zhirinowskij womöglich nicht nur einen Orden „Für die Verdienste vor dem Vaterland“, sondern obendrein die russische Staatsbürgerschaft. Dmitrij Medwedjew, der als Staatsoberhaupt für derartige Sonderaktionen zuständig ist, will sich der Sache annehmen. Das zählt viel mehr als eine schnöde Gehaltserhöhung. Nun winkt Unsterblichkeit, zumindest solange das nationale Gedächtnis anhält.

Hiddink nimmt in der aktuellen Beliebtheitsskala bereits den dritten Rang ein und sollte Russland ins Finale kommen und das Spiel mit einem Sieg über die deutsche Mannschaft beenden, büßt Ex-Präsident Wladimir Putin ohne Zweifel seinen bislang unstrittigen Spitzenplatz ein.
Einigen Neugeborenen steht sogar ein ganzes Leben mit Guus bevor. Der Triumph der russischen Fußballer am vergangenen Wochenende inspirierte frischgebackene Eltern ihre Söhne nach dem neuen Idol aller Russen zu benennen. Die Namensvettern Guus Jewgenijewitsch Gorodnikow im Nowosibirsker Gebiet und Guus Wjatscheslawowitsch Hmelewa in Artjomowsk bei Jekaterinburg wissen ihr Glück vermutlich noch nicht einmal zu schätzen.
Auf der Krim, genauer gesagt auf dem Gelände des Erholungsheims „Moskowskij“ hat ein Bildhauer dem Nationaltrainer gar eine Gipsstatue gewidmet. Bronze weist zwar in der Regel eine längere Haltbarkeitsdauer auf, aber Hiddink in Metall gegossen ist bestimmt schon irgendwo in Arbeit.

Seit dem der Kommunismus in Russland endgültig ausgedient hat, bastelten Polittechnologen, Populisten und andere Scharlatane an einer neuen Nationalidee. So richtig fündig wurde indes niemand. Aber was andere nicht geschafft haben war für den pfiffigen Holländer ein leichtes Spiel. Oder er kam einfach zum richtigen Zeitpunkt.
Dass Russland die Eishockeyweltmeisterschaft und den europäischen Schlagerwettbewerb „Eurovision“ gewann, kann kein Zufall sein. Nun geht es hier schließlich um das Selbstbewusstsein einer ganzen Nation. „Dank des Managertalents von Guus Hiddink darf Russland sich erneut als konkurrenzfähige Fußballgroßmacht fühlen.“
In ihrem Bittschreiben für Hiddink an Medwedjew fasst Zhirinowskijs Dumafraktion den Ernst der Lage zusammen. Weder Öl noch Gas noch Putin machen Russland zu einem Reich der Superlative. Erst der Sport macht’s möglich.

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