Am heutigen Mittwoch, dem 17. November 2010, fand im Amtsgericht Tiergarten in Berlin der erste Prozesstag in einem Verfahren statt, das einen eher ungewöhnlichen Verlauf zu nehmen scheint. Angeklagt ist die Studentin Anne H., die auf den Tag genau vor sieben Monaten, nach dem Spiel von Union Berlin gegen den FC St. Pauli, einen Polizisten der Berliner Bereitschaftspolizei beleidigt, angegriffen und durch Würgen am Hals verletzt haben soll. Nach der Befragung von sieben Zeugen und der Sichtung eines von einem Unbeteiligten gefilmten Handyvideos zeichnet sich jedoch ein deutlich anderes Bild.

Was sich bisher mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass es an jenem Nachmittag im April auf der Tankstelle neben dem Gästeeingang des Stadions an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick zu einem Zusammenstoß zwischen dort wartenden St. Pauli-Anhängern und Polizeibeamten kam.
Letztere waren gerade dabei eine Gruppe unerwartet aufgetauchter Mitglieder der Hell’s Angels zu kontrollieren, als einer ihrer Mannschaftswagen versuchte rückwärts auf die Tankstelle zu fahren. In der Tankstelleneinfahrt befanden sich jedoch einige Fußballfans, von denen einer offenbar dermaßen alkoholisiert war, dass er der Aufforderung den Weg frei zu machen nicht ohne fremde Hilfe nachkommen konnte.
Anne H. wollte dem Betrunkenen zu Hilfe kommen, weil sie fürchtete, er könnte von dem Auto der Polizei angefahren werden und kam so in Berührung mit den Polizeibeamten, die gerade die Einfahrt passierbar machen wollten. Über das, was in den darauf folgenden Minuten genau geschah, herrscht einige Unklarheit.
Laut Zeugenaussagen der anwesenden Polizisten kam es von Seiten der umstehenden St. Pauli-Anhänger zu Beschimpfungen, dem Spritzen mit Bier und vereinzelten Schlägen gegen Polizeibeamte. Dass allerdings die Angeklagte selbst etwas dergleichen getan hätte, konnte keiner der Zeugen bestätigen. Was jedoch vier Zeugen –  darunter auch ein Polizist – gesehen hatten, war, dass ein Bereitschaftspolizist Anne H. ins Gesicht geschlagen hat.
Laut Aussage der Angeklagten mindestens dreimal. Einen Grund für dieses überaus harte Vorgehen konnte niemand nennen, auch nicht dessen direkter Vorgesetzter. Anne H. jedoch war schwer verletzt. Ihre Nase war gebrochen, mehrere Zähne abgesplittert und beide Augen von Blutergüssen gezeichnet. Erst als sie nach über drei Stunden aus dem Polizeigewahrsam frei kam, konnte sie ein Krankenhaus aufsuchen, in dem sie dann auch die Nacht verbringen musste.

Der Polizeibeamte, der laut den Zeugen für Anne H.s Verletzungen verantwortlich ist, war am ersten Prozesstag krank geschrieben und konnte somit seine Sicht der Dinge nicht vorbringen. Sofern er zum Fortsetzungstermin in der kommenden Woche erscheint, dürfte es spannend werden, denn so wie es derzeit aussieht, dürfte es ihm nicht leicht fallen, Argumente vorzulegen, die sein Handeln verhältnismäßig erscheinen lassen könnten. Bereits am Tag der Geschehnisse hat ein anderer Anhänger des FC St. Pauli, der Zeuge des Vorfalls war, in dieser Sache Strafanzeige gegen ihn gestellt. Der Fortgang jenes Verfahrens dürfte sicher vom Ausgang des laufenden Prozesses beeinflusst werden. Auch Amnesty International, das derzeit eine Kampagne gegen Polizeigewalt in Deutschland durchführt, ist mittlerweile auf den Fall aufmerksam geworden und begleitet das Verfahren kritisch.

Am kommenden Mittwoch um zwölf Uhr mittags geht der Prozess in die zweite Halbzeit.

Anne H.s Augen vier Tage nach den Vorfällen (Foto:Stefan Sander)

Kommentare

5 Kommentare zu “Union vs. St. Pauli – Prozess gegen Anne H.”

  1. Sebastian am 11.18.10 09:54

    Danke für die Berichterstattung. Und schön, dass offensichtlich Zeugenaussagen nicht nur von Polizisten vorgenommen wurden. Allerdings finde ich die Überschrift irritierend. Denn der Vorfall war vor dem Spiel und hat mit diesem nur insofern zu tun, als dass sich die Personen aufgrund des Spiels dort aufhielten. Dachte zuerst, es sei etwas im Stadion passiert und ich hätte es nicht mitbekommen.
    Will heißen, dass die Überschrift wohl eher: “Polizei gegen Passanten im Umfeld eines Fußballspiels – Prozess gegen Anne H” lauten müsste. Denn für den Prozess und die aufzuklärenden Ereignisse ist es völlig unerheblich, ob dort Union gegen Pauli oder Traktor Oberschöneweide gegen Viktoria Hamburg gespielt haben.

  2. Union vs. St. Pauli – Prozess gegen Anne H. « fussball von links am 11.19.10 11:35

    […] Den ganzen Artikel gibt es auf sportswire.de. […]

  3. SportsWire.de: Union vs. St. Pauli – Prozess gegen Anne H. « jan tölva am 11.19.10 11:40

    […] Auf SportsWire.de ist ein Artikel von mir zu einem laufenden Gerichtsprozess gegen eine St. Pauli-Anhängerin in Berlin erschienen. Im Laufe des Prozesses hat sich gezeigt, dass Anne H. selbst Opfer massiver Polizeigewalt geworden ist (s. Foto). Den Artikel gibt es hier. […]

  4. / Keine Kennzeichnung der Bereitschaftspolizei in Berlin am 12.04.10 17:23

    […] die Rede sein. Fußballfans, Demonstrant_innen, Aktivist_innen und andere von Polizeigewalt Betroffene müssen weiter damit rechnen auf die Fresse zu bekommen. Die Bereitschaftspolizist_innen auf der […]

  5. amaranto» Blogarchiv » Wenn die Bereitschaftspolizei prügelt am 12.04.10 23:45

    […] wegen Körperverletzugn einbrachte. Gestern fand der erste Prozeßtag in Berlin statt. Bei Sportswire gibt es hierzu einen interessanten […]

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