Vor 100 Jahren, am 26. Dezember 1908, wurde der Amerikaner Jack Johnson erster schwarzer Schwergewichtsweltmeister des Profiboxens. Bis ins australische Sydney war Johnson dem kanadischen Weltmeister Tommy Burns nachgereist, um ihn endlich zu stellen – und dann noch zu gewinnen.

Eine schöne Würdigung des Mannes, dessen Größe darin bestand, es niemandem Recht und alles falsch zu machen, was wohlmeinende Menschen ihm als richtig empfahlen, findet sich in der FAZ bei Christian Eichler: Pionier des schwarzen Selbstbewusstseins.

Und die New York Times, zumindest was die Boxsportberichterstattung angeht, doch immer deutlich weiter, stellt eine Comic-Biografie über Jack Johnson vor: Comic Book Takes Unflinching Look at a Boxing Champion.

Dass Jack Johnson hierzulande doch eher nur Boxexperten etwas sagt, kann man nicht nur damit erklären, dass damals in Deutschland das Profiboxen faktisch noch nicht existierte und man auf einen deutschen Helden, Max Schmeling, noch zwei Jahrzehnte warten musste. In beide der ganz großen Kämpfe von Schmeling – der K.o.-Sieg 1936 über Joe Louis und die K.o.-Niederlage 1938 gegen Joe Louis – war Jack Johnson involviert.

1936 hatte Goebbels’ Propagandaministerium vor dem Kampf der deutschen Presse Zurückhaltung verordnet, denn Schmeling stieg als großer Außenseiter in den Ring. Die Redaktionen wurden angewiesen, die Boxer nicht als Vertreter “der weißen und der schwarzen Rasse” darzustellen. Dies gelte auch “im Falle eines Sieges Schmelings.” Einen Sieg Schmelings hatten in der Tat nur wenige Experten vorausgesagt, einer von ihnen war Jack Johnson. (Eine andere Expertin, übrigens, war Marlene Dietrich.) Johnson hatte sogar beim Camp von Schmeling angeklopft, ob er nicht als Berater, als Sekundant oder in anderer Funktion helfen könne.

1938 aber, als Schmeling gegen den mittlerweile zum Weltmeister aufgestiegenen Louis antrat, war die deutsche Siegesgewissheit ungebremst. Der Boxreporter Arno Hellmis, der auch die Radioreportagen beider Kämpfe bestritt, schrieb über Louis: „Zieht man seine boxerischen Qualitäten, seinen unerhört beidhändigen Schlag und sein instinktmäßiges, durch die Rasse bedingtes ‚Boxgefühl‘ ab, dann bleibt Joe Louis – ein primitiver, durchaus unintelligenter Naturbursche von einigen zwanzig Jahren.” Dass so einer in den USA Karriere machen kann, konnte sich ein Nazijournalist wie Hellmis nur damit zu erklären, dass die amerikanische Pioniergeneration satt sei, “die Parasiten kamen – wie überall – erst später.” Den Umstand, dass Louis in den USA auch bei vielen Weißen populär ist, kann er sich nur damit erklären, dass Louis ein “Halbneger” sei, “hellhäutig, also ‚amerikanisiert‘”. Die weißen Amerikaner sähen “in Joe Louis so etwas wie das Produkt der von ihnen erreichten Aufzucht einer als minderwertig verfemten Rasse, mit der sie nun mal zusammen leben müssen”.

Einzig der prinzipiell alles anders, alles falsch machende Jack Johnson scherte aus und gab öffentlich Tipps an Max Schmeling, wie er Joe Louis, dieses Boxgenie, schlagen könne. Der Schwarze Johnson wurde in der deutschen Presse ignoriert. Je näher der Kampf rückte, desto mehr rückte Johnson von seiner Pro-Schmeling-Haltung ab. Kurz vor dem Kampf, den Louis bekanntlich überdeutlich gewinnen sollte, entschuldigte sich Johnson für diesen und andere frühere Fehler. Mehr zu diesem Thema (in aller Unbescheidenheit): Schmeling. _Die Karriere eines Jahrhundertdeutschen.

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1 Kommentar zu “100 Jahre Weltmeister: Jack Johnson”

  1. Kalenderblättchen – Stör-Signale am 01.10.11 11:13

    […] Pferdeknechte, Schneider, Steinhauer, Weber und Zimmerleute) Weiteres zum Tage: Jack Johnson wird Box-Weltmeister im Schwergewicht […]

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